Nachdem wir lange Zeit in den Bergen verbracht haben, ist das Bedürfnis gross, mal wieder ans Meer zu kommen. Die Mopeds sind gepackt, vollgetankt und es geht Richtung Norden. Ziel ist Huasco, ein kleines langgezogenes Dorf kurz vor dem Parque Nacional Llanos de Challe, direkt am Meer. Auf dem Atacama Glamp Campingplatz, der sich neu im Aufbau befindet, treffen wir zuerst auf Julio. Er kommt aus Argentinien und hilft den zwei jungen Chilenen Valentina und Ernan beim Aufbau. Nach dem obligatorischen Willkommensgespräch, hat sich auch gleich ein Plätzchen für uns gefunden wo wir unser Zelt aufschlagen, mal wieder warm duschen und in der Küche was feines kochen können. Wir bleiben nur eine Nacht, weil wir den Ruf der Wüste hören und spüren können.
Ruta del Desierto, was stellt man sich darunter vor? Sand, Dünen, heisse Tage, kalte Nächte - Sternenhimmel? Ja, das kommt so ziemlich hin. Es gibt im Norden von Chile die Panamericana, die mehr im Landesinneren verläuft und mit Tankstellen eher etwas dünn besiedelt ist, oder die Küstenstrasse. Wir wollen Meer!
Bekommen wir auch. Kurz nach Huasco kommt auch schon das Schild das wir das Tor zur Wüste gefunden haben. Über Puerto Viejo, Caldera und Puerto Flamenco, tuckern wir bei angenehmen Temperaturen auf den Parque Nacional Pan de Azucar zu. Mann könnte hier zwar schell fahren, jedoch ist die Umgebung so faszinierend das man schon mal vergisst Gas zu geben. Auf der linken Seite rauscht und braust unaufhaltsam der gewaltige Pazifik, auf der rechten hat man fast ein Stilleben. Die mehreren Hundert Meter hohen Dünen schmiegen sich sanft und ruhig an die Küste und bilden somit einen wunderbaren farblichen Kontrast. Inmitten dieser, für uns surrealen Landschaft, führt eine meist geteerte Strasse hindurch. Immer wieder kommen kleine Ansammlungen von Fischerdörfern, die meist nur aus zusammen genagelten Holzverschlägen bestehen.
Dort wohnen die Algenfischer. Wer denkt, das Algen zum Grossteil für Essen geerntet wird, sollte sich umbedingt öfters die Haare waschen. Warum? Na weil diese Algen hie in die USA exportiert werden, wo dann Shampoo, Seifen und andere Kosmetika hergestellt werden. Ich geb ja zu, hab ich vorher auch nicht gewusst ;-)
Die Gesichter der Fischer spiegeln die Natur wieder. Der raue Wind des Pazifiks und die brennende Sonne hat ihre Haut gegerbt. Die tiefen Falten und rauen Hände zeugen von harter Arbeit. Die Ruhe der Sanddünen hat sich auf ihr Gemüt übertragen. Sie scheinen alle Zeit der Welt zu haben, denn sie sind gemütlich und auch sehr freundlich. Gerne erklären sie ihre Arbeit, sind aufgeschossen und wollen natürlich wissen wo wir herkommen. Auch das Mysterium warum es hier so viele weisse Felsen in der Brandung hat wurde gelüftet. Wir dachten ja das es eventuell mit dem Salzgehalt des Wassers zu tun haben könnte. Das zahnlose Lächeln und die darauf folgende Aufklärung des Fischers führte zu einem Ah Erlebnis der anderen Art. Er sagte, es sei eine ganz simple Erklärung. Die Vögel sind daran schuld, denn sie benutzen die Felsen als ihre Toilette. Ja genau, ist alles verschissen. Auf die Frage hin, ob wir hinter den Felsen kampieren dürfen, natürlich die ohne Kacke, kam immer bei allen ein freundliches: Sí claro, Buenvenido.
Wenn wir schon von Fischern reden, wird's natürlich auch mal wieder Zeit Fisch zu essen. Wo kann man das so gut wie direkt am Meer? Eben! Deswegen ist unsere Nächster Stopp, die Kleinstadt Taltal. Bei der Einfahrt sind wir noch nicht so ganz sicher was uns hier erwartet. Links und rechts der Strasse haben sich Handwerker verschiedener Art angesiedelt. Die Meisten Einfahrten und Höfe sehen eher wie ein Schrottplatz aus. Was will man machen, so weit draussen in der Wüste. Da bekommt das Wort Recycling eine ganz andere Bedeutung. Ja hier wird alles wieder und weiter verwendet was noch nicht zu Staub zerfallen ist. Find ich richtig gut.
Als wir durchs Städtchen crusen um eine Unterkunft zu finden, fallen uns als erstes die Strom und Telefonkabel auf, die hier wie ein Kunstwerk über die Strassen gespannt sind. Viele Häuser sind in der Farbe der Umgebung, also Sandfarben. Einige sind...vielleicht mit einem Hauch von Kolonialstiel erbaut, andere eher quadratisch, praktisch, gut.
Ein paar Blocks hinter der Strandpromenade finden wir ein hübsches, kleines und gemütliches Hostal. Das Papos Inn. Die Motorräder dürfen wir im Innenhof parkieren und müssen nur das notwendigste abpacken. Na dann, los geht auf Erkundungsgang. Beim schlendern durch die kleinen, zum Teil kopfsteingepflasterten Strassen treffen wir auf ein paar Jungs, die gerade ihren frischen Fang auf der Pickup Brücke bewundern. Wir staunen auch. Sie waren auf Haifischjagt und wie man sehen kann, ganz erfolgreich.
Als wir um die nächste Ecke biegen, blinzelt uns die Abendsonne bereits ins Gesicht. Die Strandpromenade ist gepflegt, sauber und bunt. Auf den grossen Hauswänden findet man immer wieder tolle Graffitis und wir haben sogar das Glück ein paar Künstler anzutreffen und mit ihnen ein kleines Schwätzchen zu halten.
Für mich ist es immer wild romantisch Orte zu besuchen wo noch Zeitzeugen der Besiedlung vorhanden sind. Wie zum Beispiel der alte Bahnhof oder die Docks mit ihren Lastenkränen. Die allerdings, sind einer feindlichen Übernahme zum Opfer gefallen. Es ist eindeutig zu erkennen, das die Piratenflagge der Pelikane dort hängt und sie nicht die Absicht haben in naher Zukunft ihr Domizil zu räumen.
Bei Einbruch der Dunkelheit kommen wir gerade an einer Fischerkneipe vorbei und siehe da.....Ceviche.
Ceviche ist ein Fischgericht was an der ganzen Küste von Chile und wie wir später rausfinden werden auch in Peru bekannt ist. Das feste weisse Fleisch, von Wolfsbarsch, Dorade oder und, wenn vorhanden auch Lachs, wird nur durch einlegen in frischem Limettensaft sozusagen mariniert. Der Saft der Zitrusfrüchte denaturiert (gart) das Eiweiss im Fisch, was ihn undurchsichtig und fest macht. Und das ganz ohne Hitze zu verwenden. Topi!
Nach zwei Tagen Erholung und gutem Essen machen wir uns auf die Suche nach James Bond 007. Einer der Drehorte war in der Atacama Wüste im und um das ESO Hotel das sich auf dem Gelände des Paranal befindet. Dort steht auch das ELT (Extremely Large Telescop). Das bis lang grösste Teleskop der Welt. Unweit davon entfernt wird bereits am nächst grösseren gearbeitet.
Wir wollen die Sternwarte besuchen und haben Glück, denn jeden Samstag gibt's zwei Touren über das Gelände die obendrein auch noch gratis sind. Bingo!
Weil wir die 10 Uhr Tour gebucht haben wollen wir die Nacht davor in der Wüste kampieren und finden auch ein cooles Plateau das ganz in der Nähe ist. Von Taltal aus sind es nur 115km und so machen wir uns, mit Essen und zwei Bier auf den Weg zu unserem Nachtlager. Nicht weit von der Strasse entfernt geht eine Rumpelpiste in die Dünen hoch wo wir nach ein paar Kilometern einen grossen Windgeschützten Platz finden um unser Zelt auf zu schlagen.
Wir geniessen den Nachmittag in der Einsamkeit, kochen, trinken und wandern ein bisschen umher. Als es dunkel wird und wir den Mond anheulen, sehen wir auf einmal Lichter auf uns zukommen. Oh, was ist das? ET oder hat uns doch jemand beobachtet wie wir uns davon gestohlen haben?
Nach ein paar Minuten taucht ein Motorradfahrer auf, der zwar ET etwas ähnelt aber doch wohl auch ein Reisender, der Spezies Mensch ist. Dahinter ein Auto mit chilenischem Kennzeichen. Der Chilene entpuppt sich als Schweizer und ET als Österreicher. Sie haben beide auch die morgendliche Tour in der Sternwarte gebucht und so verbringen wir den Abend miteinander.
Am nächsten Morgen sind wir als erste wach und sehen zum österreichischen ET Lagerplatz rüber. Irgendwas stimmt da nicht. Das Zelt ist offen und man kann zwei Motorradstiefel sehen. Nach einer Weile kommt der Rest zum Vorschein. Da unser Mopedkollege ein Herr der etwas grösseren Gattung ist, fast 2 Meter, aber nur eine hundehüttenartige Behausung sein eigen nennt, reicht diese im nur von Kopf bis zu denKnien. Ja, wer den Schaden hat, braucht für den Spot nicht zu sorgen. Etwas zerknittert und noch in kompletter Motorradmontur sammelt er sich und packt seine sieben Sachen.
Der Schweizer sieht schon besser aus. Er ist so gross wie wir und könnte somit wahrscheinlich sogar im Handschuhfach des Autos bequem Platz gefunden haben. Nach einem Café gehts dann auch schon los Richtung Sternwarte. 10 Minuten später stehen wir auf dem Parkplatz und Checken ein. Es ist schon fast wie im James Bond Film. Nach der obligatorischen Bürokratie, die uns durch ganz Chile verfolgt, haben wir es geschafft und sitzen in einem Bus, der uns auf den Berg hoch fährt. Nach einer kurzen Einweisung, das man nichts anfassen, auf den Kopf aufpassen und immer Helm tragen soll, betreten wir die gigantische Kugel.
Nach dem Rundgang fährt uns der Bus zum etwas tieferliegenden Hotel, das allerdings ausschliesslich nur für die Wissenschaftler genutzt wird. Einen kleinen Einblick bekommen wir aber trotzdem und dürfen im Eingangsbereich ein wenig rumspaziert. Das Foyer ist eine Oase mit Palmen und anderen Pflanzen, einem Swimmingpool und einem Restaurant, wo man gemütlich bei 20°C der Hitze des Tages entfliehen kann.
Nach unserer fast 3 stündigen Tour machen wir uns wieder auf den Weg. Antofagasta ist unser Ziel was nur weitere 100 Kilometer nördlich liegt. Auf dem Weg dorthin gibts allerdings noch einen kleinen Umweg und zwar zum Monument "Mano del Desierto". Das 11 Meter hohe Monument aus Eisen und Zement wurde 1992 von Mario Irarrázabal geschaffen. Es mahnt, mit den Umweltsünden aufzuhören, damit die Erde nicht überall zu einer Wüste wird.
Die letzten 60 Kilometer bis in die Hauptstadt sollten ja ein Klacks sein. Da unsere Unterkunft im Norden der Stadt liegt, war unsere Idee auf der Panamericana, Antofagasta zu umfahren damit wir nicht in den Berufsverkehr kommen und von dort aus in den ruhigeren nördlichen Teil runter zu fahren. Schon von weitem kann man die Silhouette der Grossstadt sehen. Beim Anblick denkt man allerdings eher, das man auf einen Sandsturm zu steuert.
Die Schnellstrasse führt vorbei an unzähligen LKW Werkstätten. Ich meine nicht die kleinen 40ig Tonner, nein, hier wird richtig grosses Gerät aufgetischt. Riesige gelbe Caterpillar Steinbruchmuldenkipper mit einem Gewicht von bis zu 600 Tonnen und 2600 KW (3535 PS) starke Motoren mit 85 Liter Hubraum stehen und fahren dort wie riesen Bienen umher. Wenn man an einem solchen Ungetüm vorbeifährt und auf die Seite schaut sieht man nur Reifen, denn die sind auch bis zu 4 Meter hoch. Ich komme mir wie ein Zerg vor.
Gesagt getan. Was wir nicht wussten, das zu bestimmten Zeiten die nördliche Einfahrt in die Stadt gesperrt ist. Na prima. Somit ist mal wieder Warten angesagt, denn zurück wollen wir nicht und auch nicht durch das Gewühl fahren.
Nach einer Stunde warten, ein paar netten Gesprächen mit den Carabineros dürfen wir los. Mit langgezogenen Kurven gehts runter in die Stadt. Ich möchte nicht unhöflich sein, aber auf den ersten Blick ist diese Stadt ist so hässlich, das sie schon wieder Charme bekommt und somit etwas Besonderes ist. Die positive Überraschung ist unserer Unterkunft, mit Juan José unserem Gastgeber. Ein pensionierter Herr der einem jeden Wunsch von den Augen abliest und sich rührend um alle unsere Anliegen kümmert. Denn ich suche mal wieder eine Werkstatt, wo ich selber am Moped schrauben darf. Es ist mal wieder Zeit für neue Ketten, Ölwechsel und ein bisschen Streicheleinheiten.
Dank Juan José war schnell eine Werkstatt mit nettem kolumbianischem Besitzer gefunden und nach dem 3.ten Tag eigentlich alles erledigt, wenn dann nicht.....ja, ja, der Teufel ist manchmal ein Eichhörnchen....
Die frisch geputzte und überholte Wanda stand zum Feierabend abfahrbereit da. Nach einem kurzen Kick schnurrte sie wieder wie gewöhnlich und ich hatte schon den Helm auf, als Lyder, der Werkstatt Chef mit grossen Augen und fuchtelnden Händen auf mich zu kam. "Mach den Motor aus, es brennt" rief er. Zuerst konnte ich nichts sehen, was allerdings daran lag das es hinter mir aus dem Sattel qualmte. Nachdem ich mir den Helm abzog und die Sitzbank runter machte sah ich die Bescherung. Kabelbrand. Da hat sich wohl durch die vielen Rumpelpisten der Kabelbaum durchgescheuert und einen Kurzen fabriziert. Na prima! Somit war nix von wegen noch einen Tag chillen bevor es weiter gehen sollte. Ein weiterer Tag im Büro, bzw in der Werkstatt.
Auch diese kleine Hürde haben wir natürlich überwunden und somit stand der Weiterreise nichts mehr im Weg. Der Weg raus aus Antofagasta bis Iquique führte uns vorbei am Naturdenkmal La Portada und den Stränden. Von dort oben an den Klippen hat die Stadt ein anderes Bild. Da kann man nun eher verstehen warum sie als Perle von Nordchile bekannt ist. Da wir unsere Dosis Stadt bereits verabreicht bekommen hatten, liessen wir Iquique im wahrsten Sinne des Wortes links liegen und fuhren auf der Umgehungsstrasse durch die Dünen ins Hochland Richtung Bolivien. Kurz vor der Grenze machten wir noch einen Halt in einem kleinen Hostal um uns auf ein weiters Mal Bolivien vorzubereiten. Aber das im nächsten Abschnitt.....keep calm and ride on.